Verfassen islamwissenschaftlicher Wikipedia-Artikel Übung im Fach Islamwissenschaft im SS 2007

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Maria Josua
Anmeldungsdatum: 12.05.2007 Beiträge: 14
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Verfasst am: 25.06.2007, 12:07 Titel: Salafiya und Rida |
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Sorry für das seeehr späte Einstellen der vorläufigen Gliederung - hatte furchtbar viel anderes zu tun...
Die beiden kürzeren Artikel zu Neofundamentalismus und Postislamismus bedürfen ja keiner größeren Planung, daher hier zunächst nichts dazu.
Salafiya
Empfohlene Literatur (Kopiervorlage):
Shahin, Emad Eldin: Salafiyah, in: Encyclopedia of the Modern Islamic World
sonstige Literatur:
- David Dean Commins: Islamic Reform. Politics and Social Change in Late Ottoman Syria. New York, Oxford 1990.
- Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus. München 2002.
- Muhammad Sameer Murtaza: Die Salafiya, die Reformer des Islam: eine Darstellung der Biographien und des politischen Denkens von Gamal Al-Din Al-Afgani, Muhammad ´Abduh, Muhammad Rasid Rida und Hasan Al-Banna, sowie der Muslimbruderschaft in ihrer formativen Phase 1928 - 1932, Nordersted.
- Olivier Roy: L’échec de l’Islam politique. Paris 1992
Vorläufige Gliederung:
1. Der Begriff Salafiya
1.1 Definition
1.2. Die salaf as-salih
1.3. Begriffsabgrenzung zu Wahhabismus, Islamismus…
1.4. Unterschiedliche Verwendung des schillernden Begriffs
2. Vormoderne Salafiyya
3. Die modernistische Schule Abduhs
4. Dschihadistischer Salafismus
5. Salafiya heute nach Ländern/Subregionen, inkl. soziale Hintergründe, Zielgruppen etc.
5.1. Nordafrika
5.2. Golfstaaten…
...
Von den Denkern habe ich mich für Rashid Rida entschieden. Außer Enzyklopädie-Artikeln habe ich noch keine der zahlreichen Quellen gelesen, die als kurzer Einstieg in Frage kommen.
Literatur: (Auswahl)
- Busool, Assad Nimer: Shaykh Muhammad Rashid Rida’s Relations with Jamal al-Din al-Afghani and Muhammad ‘Abduh, in: The Muslim World 66, 1976, S. 272-286.
- Hourani, Albert: Arabic Thought in the Liberal Age, 1798-1939. London u.a. 1962, S. 222-244.
- Kerr, Malcolm H.: Islamic reform : the political and legal theories of Muhammad 'Abduh and Rashid Rida. Berkeley [u.a.] 1966.
- Shahin, Emad Eldin: Muhammad Rashid Rida’s Perspectives on the West as Reflected in Al-Manar, in: The Muslim World 79, 1989, S. 113-132.
- Sirriyeh, Elizabeth: Rashid Rida’s Autobiography on the Syrian Years 1865-1897, in: Arabic and Middle Eastern Literatures 3(2), 2000, S. 179-194.
- Tauber, Eliezer: The Political Life of Rasid Rida, in: The Arabist, Budapest Studies in Arabic 19-20, 1998, S. 261-272.
Extrem vorläufige Gliederung:
1. Einflüsse
2. Die frühen Jahre: Politische Visionen
3. Al-Manar und die Hinwendung zum Salafismus
4. Wirkung |
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Maria Josua
Anmeldungsdatum: 12.05.2007 Beiträge: 14
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Verfasst am: 13.07.2007, 16:07 Titel: |
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Liebe Wikis,
hier die erste Fassung des Artikels über Raschid Rida.
Die anständige DMG-Umschrift habe ich noch nicht verwendet, weil ich erstmal gucken wollte, wie das letztendlich bei Wikipedia formatiert ankommt. (Faule Ausrede...)
Die Literaturangaben habe ich einfach in den Text reingeschrieben, das wird natürlich noch anders. Ohne Literatur sind es im normalen Hausarbeits-Format knapp 7 Seiten.
Besonders bezüglich der Gliederung bin ich für Anregungen offen!!
Zum inhaltlichen Vergleich könnt ihr euch die französische Wiki-Version durchlesen.
Liebe Grüße,
Maria
Raschīd Ridā (voller Name: As-Saiyid Muhammad Raschīd ibn ’Alī Ridā ibn Muhammad Schams ad-Dīn ibn Muhammad Bahāʾ ad-Dīn ibn Munlā ’alī Chalīfa, arabisch:محمد رشيد بن علي رضى بن محمد شمس الدين بن محمد بهاء الدين بن منلى علي خليفة, DMG: Rašīd RiDā * 23. September 1865 im Dorf Qalamūn bei Tripolis im heutigen Libanon, † 22. August 1935 in Kairo) war einer der einflussreichsten Denker und Autoren des islamischen Modernismus. Als der prominenteste Schüler von Mohammed Abduh führte Raschid Rida die islamische Reformbewegung weiter und gab ihr eine neue Richtung. Er war ein muslimischer Intellektueller, der in einer Zeit des Umbruchs für die Bewahrung der eigenen Identität eintritt und zugleich den Fortschritt der islamischen Gemeinschaft vorantreiben möchte.
1. Jugendzeit und Einflüsse
Raschid Rida stammt aus einer frommen Dorffamilie in der damaligen syrischen Provinz, deren Abstammung auf den Propheten Muhammad zurückgeht.
Anders als die früheren Reformdenker hat Raschid Rida bereits in seiner Schulzeit eine moderne Bildung erhalten. Besuchte er zunächst die Koranschule, wurde später in der Nationalen Islamischen Schule in Tripolis die klassische islamische Bildung mit Mathematik, Naturwissenschaften und Französisch kombiniert (Sirriyeh 184). Weitere Kontakte mit westlichem Gedankengut erhielt er durch Gespräche mit christlichen Intellektuellen und Missionaren in Beirut (Shahin 113).
In seiner Jugend schloß sich Raschid Rida dem Sufismus an und beschäftigte sich mit al-Ghazali sowie Askese (Adams 179). Er wurde auch Mitglied des Naqshbandiya-Ordens. Doch als er einen Tanzauftritt von Mevlevi-Derwischen erlebte, brachte er lautstark sein Entsetzen über diese unislamische Verhaltensweise zum Ausdruck (Hourani 225). Seine weitere Beschäftigung mit dem Rationalismus der Reformer brachte ihn dazu, Sufi-Praktiken strikt abzulehnen.
Unter dem Einfluss der Zeitschrift al-‘urwa al-wuthqa (das festeste Band) lernte er die Reformbewegung unter Jamal ad-Din al-Afghani kennen, die ihn so sehr beeindruckte, daß er versuchte, sich al-Afghani als Schüler anzuschließen. Durch die Zeitschrift gewann er die Erkenntnis, daß der Islam nicht nur das Jenseits betrifft, sondern auch in der Welt relevant ist. (Busool 272)
Aus politischen Gründen wanderte er 1897 nach Ägypten aus, wo unter britischer Besatzung größere Meinungsfreiheit herrschte als in der osmanischen Provinz Syrien des Sultans Abdülhamid II (Sirriyeh 184). Am Tag nach seiner Ankunft in Kairo schloss er sich Muhammad Abduh als Schüler an, wobei die beiden ein Lehrer-Schüler-Verhältnis pflegten wie in Sufiorden üblich. (Busool 279)
2. Die frühen Jahre: Politische Visionen
Zunächst begeisterte sich Rida für eine türkisch-arabische Einheit im Osmanischen Reich. In Istanbul versuchte Rida, eine Schule zu gründen “to remove fanaticism from Islam and to employ modern methods and Western culture while keeping the religion intact.” (Tauber, 105) Insgesamt war die Bildung für ihn der wichtigste einzelne Faktor, der die Vorherrschaft des Westens garantiert und auch politische Entwicklung ermöglicht (Shahin 116). Die Bildung hatte für Rida einen so großen Stellenwert, daß er die Gründung von Schulen für wichtiger befand als die Gründung von Moscheen (Adams 195). Auch begabte Mädchen sollten Zugang zu Bildung bekommen, auch wenn sie außer Allgemeinbildung hauptsächlich “weibliche” Fähigkeiten erwerben sollte (Shahin 121).
Als Rida jedoch bemerkte, daß sein Projekt von den Jungtürken kontrolliert und zur Turkifizierung benutzt werden sollte, klagte er sie als Atheisten und Freimaurer an.
Eine weitere seiner Annahmen war, daß der Fortschritt im Westen durch politische Verbände katalysiert wurde, die die Stellung absolutistischer Herrscher angreifen konnten (Shahin 117). Im Orient waren derartige kollektive Bewegungen weitgehend unbekannt, weswegen Rida selbst insgesamt viermal als Initiator tätig wurde (Shahin 118 ). Als erstes eröffnete er durch die von ihm gegründete “Gemeinschaft für Mission und Führung” eine Schule namens “Dar al-Da’wa wa ‘l-Irshad” (Haus der Mission und Führung), wo ab März 1912 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs Studenten aus der gesamten islamischen Welt umsonst lernten. (Tauber, S. 106)
3. Befürworter des Panarabismus
Besonders nach dem Tod Abduhs 1905, der politische Betätigung abgelehnt hatte, engagierte sich Rida als Vertreter des Panislamismus und befürwortete vor diesem Hintergrund auch den Panarabismus. Jedoch wandte er sich gegen den einzelstaatlichen arabischen Nationalismus. (Tauber, S. 112) So gründete er eine Geheimorganisation namens „Osmanische Beratungsgesellschaft“, deren westlichem Arm in Paris auch die Offiziere des „Komitee für Einheit und Fortschritt“ angehörten (Salem, 39). Diese sollte Araber und Türken in einem islamisierten Vielvölkerstaat zusammenbringen, doch kollidierten diese Ziele mit dem Nationalismus der Jungtürken. Später wurde Rida Präsident der „Osmanischen Partei für administrative Dezentralisierung“, die im Reich ein föderales System befürwortete (Salem 41). Da er ahnte, daß dieses Projekt aufgrund der für ihn enttäuschenden türkischen Entwicklung scheitern würde, gründete Rida noch vor dem Ersten Weltkrieg eine geheime „Arabische Liga Gesellschaft“, die der Fremdherrschaft auf der Arabischen Halbinsel begegnen sollte (Salem 42). Sie sollte einerseits die dortigen Herrscher zusammenbringen und andererseits die Araber innerhalb und außerhalb des Osmanischen Reiches verbinden (Tauber, S. 106). Dies sollte zur Gründung eines unabhängigen arabischen Staates führen. Rida war jedoch kein naiver Panarabist, sondern strebte eine dezentrale Organisierung des Staates an, um den unterschiedlichen Verhältnissen gerecht zu werden. (Tauber, S. 112) Der Plan wurde jedoch 1914 vom Scharifen Hussain von Mekka abgelehnt. Rida anerkannte ihn seinerseits nicht als Kalifen, unterstützte aber die Arabische Revolution von 1916 (Salem 43). Die nachfolgende Entwicklung, die zur Zersplitterung und Kolonialisierung der Levante beitrug, brachte ihn dazu, sich selbst politisch zu engagieren, im 1919 zusammenkommenden Syrischen Nationalkongress, dessen Präsident er wurde (Salem 43). Die Besatzung durch Frankreich bereitete diesem Projekt jedoch ein jähes Ende.
In diesem Zusammenhang fand Ridas einzige Reise nach Europa statt, als er 1922 als Vizepräsident des Syro-Palästinensischen Kongresses in der Schweiz Vertretern des Völkerbundes die arabische Unabhängigkeit nahebringen wollte; außerdem bereiste er Deutschland (Shahin 114).
4. Al-Manar
Raschid Rida gab von 1898 bis zu seinem Tode die Zeitschrift al-Manar heraus, die als Sprachrohr der Reformbewegung diente und großen Einfluss auf die islamische Welt ausübte. Al-Manar erschien zunächst ohne große Resonanz wöchentlich, doch nach einigen Jahren etablierte sie sich als führende Monatszeitschrift. Sie enthielt Analysen der Situation der damaligen muslimischen Welt und beschäftigte sich intensiv mit der Frage, weswegen der Westen dem Orient überlegen war. Dazu kamen Reformvorschläge für Region und Religion, weshalb Sultan Abdülhamid II. die Zeitschrift im Osmanischen Reich verbot (Salem 3 . Des weiteren enthielt al-Manar Buchbesprechungen von europäischen Schriftstellern (Shahin 114).
Ab 1900 veröffentlichte Rida darin einen modernistischen Korankommentar, den „tafsir al-Manar“, beruhend auf seinen Aufzeichnungen von einer Vorlesung Muhammad Abduhs über Koranexegese an der Al-Azhar-Universität. Nach Abduhs Tod führte Rida den Tafsir selbständig weiter. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Zeitschrift waren die Rechtsgutachten, fatawa, die der Herausgeber selber erteilte. Der Druck fand in Ridas eigenem Haus statt, das er auch als Buchhandlung nutzte (Skovgaard-Petersen 2001, 96). Die intendierte Funktion der Zeitschrift ist folgende: „The reader of Al-Manar is provided with handy ammunition against vulgar Sufism, popular practices and taqlid and perhaps some encouragement to make use of it.“ (Skovgaard-Petersen 2001, 103)
Durch die Zeitschrift konnten Abduhs Ideen überhaupt erst ihre weite Verbreitung errreichen, so daß sie auch die gewichtige Rolle überstrahlten, die Rida selbst in der Reformbewegung einnahm (Busool 286).
5. Sicht auf den Westen
Der Niedergang der islamischen Welt nach dem goldenen Zeitalter der rechtgeleiteten Kalifen ist ein zentrales Thema bei der Frage nach dem heutigen Verhältnis zwischen ersterer und dem Westen. Bei den historischen Gründen für die Dekadenztheorie führt Rida in der apologetischen Tradition Ibn Taimiyas Verschwörungen von Feinden des Islams sowie Pseudo-Konvertiten an, die menschliche Schwächen gegenüber den islamischen Prinzipien Überhand gewinnen ließen. (Kerr, 173) Darüber hinaus behauptet Rida, „the principle of force […] was allowed to enter into Islam by Mu’awiya’s example.“, ergo lange nach dem Beginn der raschen Expansion des Islam. (Kerr, 173f.)
Die positiven Errungenschaften Europas beschränken sich auf Dinge, die von den Arabern entweder über Andalusien oder vermittels der Kreuzfahrer dorthin gelangt sind. (Riyad, 95) Auch die Frauenrechte betrachtet Rida im Islam als überlegen, während die Europäer seiner Meinung nach erst allmählich die muslimischen „Errungenschaften“ diesbezüglich wie die Scheidung einführen und wohl auch zukünftig die Polygamie zulassen würden (Shahin 121). Er klagte die Doppelgesichtigkeit der westlichen Mächte an, die nach innen als fortschrittliche Zivilisationen auftreten, nach außen aber unterdrückerische Kolonialmächte sind (Shahin 131).
6. Islamische Theologie: Salafismus
Ab 1901 veröffentlichte Rida in al-Manar einen fiktiven Dialog zwischen einem jungen Reformer und einem traditionalen Schaikh, „Muhawarat al-muslih wa-l-muqallid“, in dem sich viele seiner Argumentationsgänge bezüglich der Erneuerung des Islam finden.
Die Imitation der traditionellen Auffassungen, „taqlid“, ist der wichtigste Grund für die Stagnation der ’Ulama, die den Fortschritt der islamischen Welt verhindern. Der Gegensatz dessen ist „ijtihad“, das selbständige Bemühen um Auslegung, das im Mittelalter aufgegeben worden war. Ein Grundsatz der Reformer ist dabei, sich nur direkt auf Koran und Sunna zu beziehen, wenn die Zitate eindeutig und die Überlieferung sicher ist. (hadith mutawātir) (Skovgaard-Petersen 2001, 97) Darum werden auch die Unterschiede zwischen den vier großen Rechtsschulen und sogar zwischen den verschiedenen Gruppierungen von Sunniten und Schiiten zugunsten einer islamischen Einheit zu überwinden gesucht (Hourani 240). Im Gegenzug wird die Schuld für die Fragmentierung der islamischen Gemeinschaft dem dogmatischen Sektierertum der Rechtsgelehrten zugeschrieben (Shahin 118).
Eine wichtige Rechtsquelle ist das Prinzip der „maslaha“, die Nützlichkeit für die umma bzw. das Gemeinwohl, das bereits bei Ibn Taimiya prominent wurde (Hourani 233). Dieses Prinzip erhält bei Rida eine so entscheidende Stellung, daß es den Analogieschluß (qiyas) als Mittel zur Rechtsfindung verdrängt (Hourani 234). Insgesamt sehnte sich Rida nach einer neuen Generation von modernen ’ulama, die ihrem Berufsstand gerecht werden und nicht in mittelalterlichen Traditionen verhaftet sind (Hourani 239).
Wie für die anderen Modernisten auch sah Rida keinen Widerspruch zwischen Religion und Vernunft, weswegen er sich wissenschaftlichen Erkenntnisquellen nicht verschloss. (Kerr, 157)
Die Entmachtung des osmanischen Kalifen durch die Jungtürken 1922 veranlasste Rida zu der Schrift „al-khilafa au al-imama al-’uzma“. Demnach sollte der Kalif idealerweise der führende mujtahid aller Muslime sein (Kerr 165). In einem Seminar sollten fähige Männer ausgebildet werden, unter denen wiederum der geeignetste zum Kalifen gewählt würde, während die anderen als Kontrollgremium die Rolle verschiedener im islamischen Recht wichtiger Gruppen vereinen, nämlich die „ahl al-hall wa-l-’aqd“, die shura-Mitglieder, die „ulu l-amr“ und die mujtahidun, deren ijma’ bindende Wirkung hat. (Kerr 197)
Rida befürwortete den defensiven Dschihad für den Fall, daß die friedliche Verbreitung des Islam nicht möglich ist oder wenn Muslime nicht gemäß ihrem religiösen Gesetz leben können (Hourani 237). Die Nichtanwendung der šari’a führt dazu, dass der Herrscher für ungläubig erklärt werden kann (takfir), dies gilt also bei der Anwendung europäischen Rechts im Orient. Der Dschihad sollte auch im Falle fremder Aggression zulässig sein, so daß antikolonialer Widerstand dadurch gerechtfertigt war (Peters 126). Diese rigide Einstellung steht in einem Spannungsverhältnis zu der Tatsache, daß er das Leben unter britischer Herrschaft in Ägypten dem im Osmanischen Reich vorgezogen hatte, lässt sich aber wahrscheinlich durch seine negative Erfahrung mit den Franzosen erklären, die im Sykes-Picot-Abkommen wurzelte.
Von der gewaltsamen Verbreitung des Islam sah er ab wegen des Prinzips, dass kein Zwang in der Religion angewendet werden soll (Hourani 237).
Bei der Frage des Abfalls vom Islam unterschied er zwischen denjenigen Apostaten, die dergestalt offen vom Islam abfallen, daß sie eine Gefahr für die umma darstellen, und solchen, die nur insgeheim den Glauben verlassen. Nur Angehörige der ersten Gruppe sollten getötet werden (Hourani 237). Taha Hussain betrachtete er als kafir (Riyad 105).
7. Gegner und Wahhabisierung
Die von Rida vehement kritisierten traditionellen Muslime griffen ihn auch tätlich an, so als er in Damaskus die Anrufung von Mittlern als Polytheismus bezeichnete, so daß er die Stadt verlassen mußte (Dean Commins 130).
Auf der anderen Seite waren seine Feinde diejenigen Modernisierer, die westliche Konzepte kritiklos übernehmen und somit die islamische Kultur und Zivilisation ausverkaufen (Shahin 118). Den Säkularismus als Trennung von Staat/Gesellschaft und Religion betrachtet Rida darum als ernste Bedrohung für die Identität der Muslime (Shahin 119). Als Säkularisten wie ein weiterer ’Abduh-Schüler, ’Abd ar-Raziq, von ähnlichen Ausgangspunkten wie Rida ausgehend auf andere, nicht islamgemäße Schlussfolgerungen kamen, zog sich Rida auf konservativere Positionen zurück.
So stellte er sich politisch nach der Enttäuschung durch die Haschemiten ab 1918 auf die Seite der as-Sa’ud, deren Eroberung des Hedschas 1924 er begrüßte. Ideologisch passte dies zu seiner beginnenden Favorisierung der Wahhabiten. Ab 1925 begann er die Werke derjenigen mittelalterlichen Gelehrten der hanbalitischen Rechtsschule neu herauszugeben, deren Gedankengut die Salafiya-Bewegung stark inspiriert hatte, wie Ibn Taimiyya, Ibn Qayyim al-Jauziyya oder Ibn Qudama. Deren Werke waren zuvor unbekannt, wahhabitisches Gedankengut zensiert gewesen (Sirriyeh 187).
8. Wirkung
Als Schüler Muhammad ’Abduhs schrieb er 1931 posthum dessen Biographe „Tarikh al-Ustadh al-Imam al-Shaykh Muhammad ’Abduh“ in drei Bänden. Kurz vor seinem eigenen Tod veröffentlichte Raschid Rida eine Autobiographie, „al-Manar wa-l-Azhar“. Er beeinflusste unter anderem Hasan al-Banna, den Gründer der Muslimbrüder, die al-Manar weiterführten. Somit fanden viele von Ridas Ideen Eingang in die breiten islamistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts.
Hingegen sind Ridas politische Projekte gescheitert. Auch in seiner Doktrin vollzog er nicht den entscheidenden Sprung in die Neuzeit, sondern kehrte schlußendlich zu althergebrachter Ideologie zurück. (Sirriyeh 190)
Literatur
- Busool, Assad Nimer: Shaykh Muhammad Rashid Rida’s Relations with Jamal al-Din al-Afghani and Muhammad ‘Abduh, in: The Muslim World 66, 1976, S. 272-286.
- Hourani, Albert: Arabic Thought in the Liberal Age, 1798-1939. London u.a. 1962, S. 222-244.
- Kerr, Malcolm H.: Islamic reform : the political and legal theories of Muhammad 'Abduh and Rashid Rida. Berkeley [u.a.] 1966.
- Peters, Rudolph: Islam and Colonialism. The Doctrine of Jihad in Modern History. Den Haag u.a. 1979.
- Salem, Ahmed Ali: Challenging Authoritarianism, Colonialism and Disunity: The Islamic Political Reform Movements of al-Afghani and Rida, in: American Journal of Islamic Social Sciences 21(2), 2004, S. 25-54.
- Shahin, Emad Eldin: Muhammad Rashid Rida’s Perspectives on the West as Reflected in Al-Manar, in: The Muslim World 79, 1989, S. 113-132.
- Sirriyeh, Elizabeth: Rashid Rida’s Autobiography on the Syrian Years 1865-1897, in: Arabic and Middle Eastern Literatures 3(2), 2000, S. 179-194.
- Skovgaard-Petersen, Jakob: Portrait of the Intellectual as a Young Man: Rashid Rida’s Muhawarat al-muslih wa-al-muqallid (1906), in: Islam and Christian-Muslim Relations 12 (1), 2001, S. 93-104.
- Tauber, Eliezer: Rashid Rida as Pan-Arabist Before World War I, in: The Muslim World 79, 1989, S. 102-112.
Hier noch ein schickes Foto als Belohnung fürs Ausharren, auch wenn es vermutlich geschützt ist.
Shot at 2007-07-13 |
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Martin
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 02.06.2007 Beiträge: 9 Wohnort: Nehren
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Verfasst am: 15.07.2007, 20:22 Titel: |
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Hallo !
Wow, nach dem ersten Lesen hab ich jetzt erst mal keine offenen Fragen...
Und klar & verständlich geschrieben ist's auch !
Die einzige (nicht ganz so wichtige) Information, die mir fehlen würde, wäre höchstens: Privatleben.
Hatte er eines ? war er verheiratet; Kinder ?
Hast Du vor, die arabischen Begriffe noch zu Übersetzen
(so ab 6. hast Du das aufgehört... bzw. al-manar auch nicht...) ?
Abgesehen von Alex' "Steter Tropfen höhlt den Stein"-Aktion, der uns alle ja schon Wochen
hinter sich gelassen hat, bist Du die erste, die (auch fristgerecht) ihre Version im Netz hat - vorbildlich !
Ich selber werde mir morgen erst mal "Prügel" abholen müssen; ich brauch nämlich noch paar Tage!
Nun denn, bis morgen
Martin |
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Judith Wanner
Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 25.05.2007 Beiträge: 10
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Verfasst am: 11.09.2007, 10:35 Titel: Meine Meinung |
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Hallo Maria!
Echt seehr lesenswert dein Artikel!
Vielleicht können wir Punkt 4 deines Artikels mit meinem Verknüpfen :=)
Noch eine Anmerkung:Da nicht jeder Leser Arabisch beherrscht, wäre es schön, wenn du arabische Begriffe auf Deutsch übersetzt daneben stellen kannst z.b was ist ein Kafir, was ahl al-hall wa-´aqd was ulu l-amr was ijma´??
Bis bald, liebe Grüße, Judith |
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Alexander Jost

Anmeldungsdatum: 11.05.2007 Beiträge: 18
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Verfasst am: 11.09.2007, 14:40 Titel: |
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Hallo Maria,
Dein Artikel steht ja schon ganz ganz lange drin und ich hab ihn auch schon vor längerer Zeit mal gelesen, stelle jetzt aber gerade mit Entsetzen fest, dass ich mich noch gar nicht geäußert habe.
Also, zunächst mal schließe ich mich Judith an, ein ganz hervorragender Artikel, so richtig souverän geschrieben und voller ausnahmslos sinnvoller und nützlicher Informationen! Daher kann ich das, was ich hier jetzt unter "Kritikpunkte" anführen will eigentlich kaum so nennen, es sind eher so ein paar Sachen, über die ich gestolpert bin...
1.) Kapitel 1 ganz am Ende: Dem unaufmerksamen Leser wird hier impliziert, dass es sich bei dem Verhältnis 'Abduh - Rida um eines innerhalb eines Sufiordens gehandelt habe, was natürlich nicht der Fall ist. Vielleicht wäre es hier möglich den Sufiorden rauszunehmen und nur von einer besonderen Nachahmung zu sprechen oder so ähnlich.
2.) Durch den ganzen Artikel hindurch zitierst du immer wieder Quellen auf Englisch. Das finde ich etwas unglücklich, da das ja im Falle von Rida gar nicht die Originalsprache ist und im Falle von Sekundärquellen die Originalsprache meistens wenig relevant ist. Wenn du diese Stellen einfach selber übersetzen würdest, würde das für einen etwas besseren Sprachfluss sorgen und auch die Leser, die des Englischen nicht so mächtig sind, würden es Dir danken.
3.) Kapitel 3: Das Wort "naiver Panarabist" steht da so, als wäre man als Panarabist grundsätzlich naiv. Ich weiß nicht, ob das so gemeint ist, wenn nein, würde ich die Formulierung etwas ändern.
4.) Kapitel 6: Den Aufruf zum Widerstand gegen die Kolonialmacht als "rigide Einstellung" zu bezeichnen finde ich ebenso sehr wertend, Widerstand gegen die Besatzer war doch weit verbreitet und kam aus den verschiedensten politischen und weltanschaulichen Lagern.
das wären die Kommentare von meiner Seite
viele Grüße
Alex |
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Maria Josua
Anmeldungsdatum: 12.05.2007 Beiträge: 14
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Verfasst am: 14.09.2007, 17:11 Titel: |
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Lieber Alex, liebe Judith,
danke für eure Feedbacks.
Leider muß ich dem Seminar mitteilen, daß ich es nicht mehr geschafft habe, den zweiten Artikel rechtzeitig ordentlich zu bearbeiten. Bin gerade am Umziehen (wie angekündigt) und musste heute noch überraschenderweise Böden rausreißen (gute Ausrede, ich weiß...). Deswegen habe ich gerade auch kein Internet, so dass ich vor lauter Unorganisiertheit die überarbeitete Fassung von Rida noch nicht einstellen konnte.
Jedenfalls hoffe ich, daß die Kulanz der SeminarteilnehmerInnen mir diese verspätete Hälfte verzeihen wird. Der Artikel wird umso besser werden.
Bis morgen,
Maria |
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Maria Josua
Anmeldungsdatum: 12.05.2007 Beiträge: 14
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Verfasst am: 16.10.2007, 20:03 Titel: |
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So, an dieser Stelle wird in Kürze der fertige Rida-Artikel erscheinen.
Überraschend habe ich in einer arabischen Quelle (!!!) noch sämtliche erdenklichen privaten Angaben gefunden, so daß Martin sich wünschen wird, er hätte nie nach Ridas Privatleben gefragt.... Leider ist das Zeug nicht wiki-angemessen, aber irgendwo muß ich mit diesen Erkenntnissen ja hin. Es gibt sie auch in keiner europäischen Quelle.
Zuerst die Krankengeschichte: Raschid litt unter Rheumatismus, Erschöpfung, Problemen mit den Dritten, Knieproblemen und Bluthochdruck.
Er hatte 2-3 Ehefrauen, je nach Zählung.... alle aus seinem Dorf.
Über die letzten beiden Heiraten soll er sich auch in al-Manar ausgelassen haben.
1. Die Familien-Ehe
--> seine Cousine väterlicherseits, sie gebar ihm 2 Kinder, die jung starben. Als sie nicht mit ihm nach Ägypten mitwollte, verstieß er sie.
(2.) Die fiktive Fern-Ehe
--> al-Amira Amina, eine Ayyubidin, hat er in Stellvertretung geheiratet: die Feier fand in einem Kaff bei Qalamun/Tripoli statt, während er in Ägypten war... so kam es auch nie zum Vollzug der Ehe, weil derselbe von ihrer Familie hinausgezögert wurde, dann gab's noch finanzielle Unstimmigkeiten. Schließlich ließ er sich scheiden (oder verstieß sie, obwohl ja gar nix passiert war...).
Kein Wunder, daß die Nachfahren Saladins in den letzten Jahrhunderten nichts zuwege gebracht haben!
3. Die fromme Ehe
--> Su'ad, aus einer sehr anständigen Familie. Der Vorteil bei dieser Libanesin war, daß sie sich wie er in Ägypten aufhielt, die Ehe hielt also für den Rest des Lebens. Sie und Rida hatten 5 Kinder, 3 haben die Kindheit überlebt. Es gab nie Unstimmigkeiten zwischen den Eheleuten... von unterwegs schrieb Rida, daß sie in seiner Abwesenheit nicht das Haus verlassen dürfe... den Passus mit hijab habe ich leider nicht auf Anhieb verstanden... jedenfalls war sie eine fromme Frau, nahm fünfmal an der Hajj teil und zweimal an der 'umra.
Der Autor der Buches traf sie leider erst/schon 73jährig folgendermaßen an:
Weißer Teint, hohe Statur, korpulent, weißes Haar (davor war es rot gewesen), schwache Sehkraft, leberkrank, Bluthochdruck, zuckerkrank, halbseitige Lähmung am linken Arm und Bein, konnte kaum das Bett verlassen. Aber starke Gedächtniskraft, sehr empfindsam, von Erinnerungen ergriffen und heulte sofort los.
Die Seiten über die Kinder zu übersetzen hatte ich glücklicherweise keine Lust mehr... |
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Maria Josua
Anmeldungsdatum: 12.05.2007 Beiträge: 14
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